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  Reiseberichte > 28. Februar 2005
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Same same, but different

Saubere Strände, heiße Gogo-Shows und eiskaltes Singha-Bier: Auf Phuket scheint der Alltag zurückgekehrt zu sein.

Von Micha Schulze

Am Gay Beach: Der Strand ist sauberer denn je
Die Sonne knallt, kein Wölkchen am Himmel, das Thermometer misst 30 Grad im Schatten. In drei Reihen stehen Liegestühle und Sonnenschirme am schwulen Strand von Patong Beach, nicht anders als beim letzten Besuch vor einem Jahr. Das Wasser ist ruhig, türkis und einladend, der Sand weißer und feiner denn je. Fliegende Händler ziehen im Minutentakt vorbei, um Cola, Ananas oder Henna-Tattoos an den Mann zu bringen. "Ich bin froh, dass ich meinen Urlaub nicht storniert habe", sagt mein Liegen-Nachbar Sebastian aus Gelsenkirchen und trinkt mit dem Strohhalm genüsslich die Milch einer eisgekühlten Kokosnuss.

Auf den ersten Blick ist in Patong Beach, dem Hauptstrand auf Thailands Ferieninsel Phuket, von den Folgen der Flutkatastrophe nichts zu entdecken. Auf den zweiten merkt man schon die kleinen Veränderungen. "Same same, but different", wie es die Thais formulieren. Zum Beispiel bei den Sonnenschirmen. Achtzig Prozent sind nagelneu und nicht so ausgeblichen von der Sonne wie die - offensichtlich vom Tsunami geretteten - zwanzig Prozent. Nur ein Viertel der Liegestühle ist besetzt, und das mitten in der Hauptsaison. Bereits zum dritten Mal fragt mich Bee, ob ich eine Massage möchte. "Früher hatte ich bis zu zehn Kunden am Tag", klagt sie, "jetzt sind es maximal zwei bis drei."

Am Strand: Niemand nimmt sich einen Liegestuhl direkt am Wasser

Wie ruhig das Meer heute ist! Nur klitzekleine Wellen klatschen gemächlich an den Strand. Dennoch begnügen sich die meisten Urlauber mit einem Sonnenbad, kaum jemand kühlt sich im Wasser ab. Kann man der friedlichen Andamanensee noch trauen? Es fällt mir schwer, mich auf das mitgebrachte Buch zu konzentrieren. Immer wieder werfe ich einen kontrollierenden Blick auf das Meer. Mein Liegestuhl steht in der dritten Reihe, die am weitesten vom Wasser entfernt ist. So wie die Liegen der anderen Leute auch…

Merkwürdige Scheu: Nur wenige trauen sich ins Wasser
Normalerweise ist Phuket im Februar nahezu ausgebucht. Nach dem Tsunami liege die Auslastung der Hotels bei nur zehn Prozent, sagt Frank Haussels, Marketing-Manager beim Thailändischen Fremdenverkehrsamt in Frankfurt und schimpft auf die Medien: "Die undifferenzierte Bilderflut und die Panikmache der Reiseveranstalter hat den Tourismus gänzlich zum Erliegen gebracht." Vor der Katastrophe wurden in der Tourismusbranche achtzig Prozent der einheimischen Bevölkerung beschäftigt, viele haben inzwischen ihren Arbeitsplatz verloren.

Entsprechend viel Tamtam wird um diejenigen Urlauber gemacht, die der Insel nicht den Rücken kehren. Ein ganzes Orchester wartet auf den ersten Charterflug aus Finnland, der Phuket nach der Flutkatastrophe wieder ansteuert. Die überraschten Passagiere werden mit Musik, Orchideen, Obst und Süßigkeiten begrüßt. Flughafendirektor Pornchai Eua-Aree nennt den Grund: Im Januar 2005 sei die Zahl der internationalen Fluggäste im Vergleich zum Vorjahr um 89 Prozent zurückgegangen. Dass derselbe Flieger neun Särge mit finnischen Tsunami-Opfern für den Rückflug an Bord nimmt, erfahren die beschenkten Urlauber, wenn überhaupt, nur aus der englischsprachigen Tageszeitung "The Nation".

Es fällt schwer, an einen erholsamen Urlaub in einem Land zu denken, an dem so viele Menschen ums Leben gekommen sind. Mehr als 5.000 Opfer unterschiedlichster Nationalitäten hatte Thailand am 26. Dezember zu beklagen, die meisten davon allerdings nicht auf Phuket, sondern im weiter nördlich gelegenen Khao Lak. Auch die große Gay Community von Patong Beach wurde nicht verschont: Ein Angestellter des "Club One Seven" kam ums Leben, als die Flutwelle die Homo-Pension direkt am Strand überrollte.

Der Paradise Complex blieb von der Flutwelle verschont

"Die Szene hatte Glück im Unglück", bilanziert der ehemalige Kölner Jochen Lauer, der auf Phuket die kleine Pension und Bar "Jochen’s" betreibt. "Wir sind mit einem blauen Auge davon gekommen." Bis in den Paradise Complex, dem schwulen Viertel von Patong Beach, drang die tödliche Welle nämlich nicht vor. Neben dem Club One Seven wurde so als einzige weitere Szene-Adresse das Restaurant "Sea Hag" beschädigt, doch dessen Inhaber Khun Kenya arbeitet bereits mit Hochdruck an der Wiedereröffnung. "Es muss doch weitergehen", sagt er und schraubt ein neue Leuchtreklame an das Haus. Nur Daniel See, Manager des Club One Seven, rechnet mit Bauarbeiten von mehreren Monaten.

Darf man so kurz nach der Katastrophe wieder einen Gay Pride feiern?
Mit dem Schweden Ulf Mikaelsson, dem Inhaber des Bistro Connect und einem der eifrigsten Schwulenaktivisten vor Ort, möchte ich über den Phuket Gay Pride reden, der vom 7. bis 10. April in Patong Beach stattfinden soll. Ulf bittet mich in sein Büro und zeigt mir am Rechner etliche Tsunami-Videos, die er aus dem Internet herunter geladen hat. Kein Wort über den Gay Pride, stattdessen folgt eine Stunde lang Film auf Film, Welle auf Welle. Gebannt starrt Ulf die ganze Zeit auf den Monitor, obwohl ich sicher nicht der erste bin, dem er diese Videos zeigt. Und immer wieder muss er sich die Tränen aus den Augen wischen. "Wir brauchen noch eine Weile, bis wir das alles verarbeitet haben", sagt er schließlich, schaltet den Rechner aus und verschwindet. Zusammen mit seinem Geschäftspartner Börje Carlsson besucht er seit zwei Wochen eine Selbsthilfegruppe zur Verarbeitung des Seebeben-Traumas.

Ein Spaziergang über die Bangla Road, die Straße direkt hinter dem Strand. Hier sind die zerstörerischen Folgen des Seebebens noch allgegenwärtig. Die meisten Geschäfte sind geschlossen, doch es wird gehämmert, gebohrt und repariert, was das Zeug hält. Die Menschen wollen schnell zurück zur Normalität, schließlich geht es um ihre Existenz. Jeden Tag gibt es kleine Fortschritte zu entdecken. Heute verkauft das Starbucks bereits wieder Vanilla Frappuccinos, während sich die McDonalds-Filiale noch hinter einem Bauzaun versteckt. Eine Pizzeria wirbt trotzig: "Even Tsunami cannot beat us. We still make the best Pizza in town."

Das Programm für den CSD steht noch nicht fest

Darf man so kurz nach einer Katastrophe wieder einen Gay Pride feiern? Sind Trucks mit tanzenden, halbnackten Thaiboys eine angemessene Antwort, um Touristen wieder nach Phuket zu locken? Inwiefern wird sich der CSD im April von dem im Vorjahr unterscheiden? "Same same, but different", lächelt Khun Tang Mo, die Besitzerin des gleichnamigen Nachtclubs und Vorsitzende des Gay-Pride-Komitees. "Die Einzelheiten stehen noch nicht fest, dazu hatten wir noch keine Zeit. Aber wir haben von Beginn an Solidarität gezeigt". Tatsächlich: Über 300.000 Baht (knapp 6.000 Euro) an Spenden sind bereits in der Szene gesammelt worden. Zwei Drittel des Betrages wurden dem Patong Hospital zur Verfügung gestellt, in dem noch immer Betroffene der Flutkatastrophe behandelt werden. Jeweils 50.000 Baht (knapp 1.000 Euro) wurden den Tempel Wat Leam Phet und dem Polizeichef von Patong Beach übergeben. "Wir hatten immer ein ausgezeichnetes Verhältnis zur Polizei, die auch die Verkehrssicherheit während der Parade sicherstellt. Jetzt wollen wir die Familien von betroffenen Beamten unterstützen", erklärt Khun Tang Mo die typisch thailändische Auswahl.

"Kommst Du mit an den Strand?", frage ich Lamut, einen thailändischen Freund - und ernte einen entsetzten Blick. Erst jetzt fällt es mir auf: Nur Farangs, Ausländer, hatten es sich gestern am Strand in den Liegestühlen bequem gemacht, jedoch kein einziger Thai. Und das nicht nur, weil viele Einheimische Angst haben, dass ihre Haut noch dunkler werden könnte. "Wir fürchten uns vor den Geistern der Toten", erklärt Lamut. Kein Scherz: Der Geisterglaube ist tief in der thailändischen Kultur verwurzelt. Auch aus diesem Grund, nicht nur wegen der Touristenflaute, sind viele Jungs und Männer, die vor der Flutkatastrophe in den Bars und Clubs von Patong Beach gearbeitet haben, längst nach Pattaya oder Bangkok umgezogen.

Schwule Spenden für die Polizei
Was das T-Shirt mit dem "Beer Chang"-Logo kostet, frage ich einen Straßenhändler. Ich brauche dringend etwas Neues zum Anziehen, alle mitgebrachten Klamotten sind längst durchgeschwitzt. "1.500 Baht", antwortet der Mann, etwa dreißig Euro. Ich zucke zusammen: "Wie bitte?" - Okay, für Dich 1.000 Baht", lenkt der Händler ein. Ich erkläre ihm, dass ich dasselbe Shirt vor einem Jahr noch für 100 Baht bekommen habe. "Aber ich habe doch alles verloren", entgegnet der Mann mit einem Lächeln. Für 200 Baht nehme ich das T-Shirt schließlich mit.

"Ich bin jetzt das vierte Mal in Phuket", erzählt ein britischer Mittvierziger am Abend in der Boat Bar, "aber dieses Mal gefällt es mir am besten, weil es nicht so überlaufen ist." Ein Lob, das die Einheimischen nicht gerne hören. In Phuket wünscht sich jeder die Touristen zurück, so schnell wie möglich, damit es wieder Arbeit und Geld gibt. Ein wenig Unterstützung gibt’s von der Regierung: So hat der Staatscarrier Thai Airways eine "Loving Phuket"-Kampagne gestartet, und das Fremdenverkehrsamt lädt scharenweise Journalisten und Promis nach Phuket ein, damit diese in aller Welt für die Insel werben.

Wie es jetzt so ist in Phuket, will ein Freund in Bangkok nach meiner Rückkehr wissen. "Same same, but different", antworte ich. T-Shirts mit diesem Spruch gibt es nach wie vor an jeder Ecke von Patong Beach zu kaufen.

Reisebericht: Die Phuket-Top-10
Schwule Hotels und Gästehäuser in Patong Beach



 

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